Die Stosswellentherapie (ESWT) ist in der Pferdemedizin besonders dort beliebt, wo konservative Konzepte an Grenzen stossen: chronische Band- und Sehnenansatzprobleme, wiederkehrende Lahmheiten oder Fälle, in denen Besitzerinnen und Besitzer eine nicht-invasive Zusatzmassnahme wünschen. Gleichzeitig ist ESWT ein Bereich, in dem Erwartungsmanagement und saubere Indikationsstellung alles sind: Die Evidenz ist je nach Läsion unterschiedlich, Protokolle sind heterogen, und die analgetische Wirkung kann – wenn man es falsch macht – zu Frühbelastung und Reinjury beitragen.
In diesem Artikel zeige ich Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie ESWT beim Pferd für Weichteil- und Ansatzläsionen praxisnah, sicher und evidenzorientiert einsetzen: vom Lahmheits-Workup über die Wahl zwischen radial und fokussiert bis hin zur Reha-Integration.
Ein hilfreicher Grundsatz aus der klinischen ESWT-Literatur ist: ESWT ist ein Zusatzbaustein, kein Ersatz für Diagnose und Belastungssteuerung. Moderne Übersichtsarbeiten betonen, dass robuste, direkt vergleichende Protokollstudien (Energie/Tiefe/Gewebe) weiterhin fehlen und evidenzbasierte Empfehlungen oft nicht so “hart” sind, wie es im Praxisalltag manchmal wirkt.
In der Pferdepraxis zeigt sich ESWT besonders dann als sinnvoll, wenn:
die Schmerzquelle plausibel lokalisiert ist (klinisch + ggf. diagnostische Anästhesie),
die Läsion chronisch oder rezidivierend ist oder konservativ stockt,
und Sie einen klaren Reha-Plan haben, der den analgetischen Effekt “abfedert”.
Vorsicht ist angebracht, wenn Sie “auf Verdacht” behandeln möchten, ohne dass Zielstruktur und Diagnose stehen. Studien an gesundem tendinösem Gewebe zeigen nämlich, dass ESWT nicht “neutral” ist: In einem Experiment an Ponys kam es nach fokussierter ESWT zu Veränderungen der Kollagenmatrix und Genexpression – mit der klaren Schlussfolgerung, dass das Behandeln von nicht verletztem Gewebe mit Vorsicht zu sehen ist.
Gerade bei Fesselträgerursprung, SDFT/DDFT oder Insertionsdesmopathien ist der wichtigste “Erfolgsfaktor” nicht die Energieeinstellung, sondern die Lokalisation.
Der praktische Ablauf
Anamnese: Beginn (akut vs schleichend), Arbeitsbelastung, Untergrund, Beschlag, Reha-Compliance, Vorbehandlungen.
Klinik: Adspektion, Palpation, Beugeproben (mit Vorsicht interpretieren), dynamische Beurteilung (gerade Linie, Zirkel, weicher/harter Boden).
Schmerzlokalisation: diagnostische Anästhesien, wenn nötig und sinnvoll (besonders bei komplexen Fällen).
Bildgebung: Sonografie bei Band/Sehne/Ansätzen; je nach Region zusätzlich Röntgen (z.B. Insertionsareale, knöcherne Veränderungen).
Dass diese Vorgehensweise nicht “Luxus” ist, sondern direkt die Prognose beeinflusst, zeigt z.B. die grosse klinische Arbeit zur proximalen Fesselträgerdesmopathie (PSD): Dort wurde nach Lokalanästhesie, Ultraschall und Röntgen klassifiziert – und der Ultraschallgrad war ein signifikanter Prognosefaktor.
Proximale Fesselträgerdesmopathie (PSD): radiale Druckwelle + kontrolliertes Training
Eine der am häufigsten zitierten klinischen Studien ist die Arbeit von Crowe et al. (65 Pferde) zur radialen Druckwellentherapie (RPWT) bei chronischer/rezidivierender PSD. Behandelt wurde dreimal im Abstand von zwei Wochen plus kontrolliertes Trainingsprogramm; die Re-Evaluation erfolgte nach 10–12 Wochen. Sechs Monate nach Diagnose waren je nach Gliedmasse ein relevanter Anteil der Pferde wieder lahmfrei und zurück in Arbeit; die Prognose hing u.a. vom Ultraschallgrad und der Ultraschall-Resolution ab.
Was ist hier der eigentliche Praxisgewinn? Nicht eine “magische Erfolgsquote”, sondern ein sauberer Behandlungsrahmen:
definierte Diagnose,
Serienlogik (nicht Einmalsitzung),
strukturierte Nachkontrolle,
und ein kontrolliertes Belastungsprogramm.
PSD: fokussierte ESWT
Auch fokussierte ESWT wurde bei chronischer PSD untersucht. Die Zürcher Arbeit (Lischer et al., Schweiz. Arch. Tierheilk. 2006) beschreibt Outcomes nach fokussierter elektrohydraulischer ESWT; wichtig aus Praxissicht ist weniger eine einzelne Zahl, sondern die Erkenntnis, dass Falltyp, Lokalisation (Vorder-/Hintergliedmasse) und Verlauf den Erfolg stark beeinflussen.
PSD: ESWT im Vergleich zu PRP (100 Pferde, randomisiert)
Ein besonders hilfreicher Datensatz für das Erwartungsmanagement ist die randomisierte prospektive Studie (100 Western Performance Horses), die ESWT mit PRP verglich. Vier Tage nach der ersten Behandlung zeigten Pferde in der ESWT-Gruppe eine stärkere Lahmheitsverbesserung; langfristig schien der Baseline-Ultraschallgrad die “Responder”-Wahrscheinlichkeit mitzuprägen (mildere Veränderungen eher ESWT, höhere Grade eher PRP).
Praxis-Übersetzung: ESWT kann bei PSD sehr sinnvoll sein, aber nicht “für alle gleich”. Wenn Sie die Ultraschallgrade konsequent dokumentieren, wird Ihre Beratung deutlich präziser – und Ihre Resultate werden stabiler.
Insertionsdesmopathie am Fesselträgerursprung: kontrollierte Studie (Pferdeheilkunde)
Für chronische Insertionsdesmopathie am Fesselträgerursprung gibt es eine kontrollierte Studie (Pferdeheilkunde 2002) zur radialen extrakorporalen Stosswellentherapie. Dort wurde ESWT mit konventionellen Massnahmen verglichen; sechs Monate nach Abschluss wurden in der ESWT-Gruppe mehr Pferde als lahmfrei und wieder voll einsatzfähig beschrieben.
Auch hier gilt: Das ist kein Freipass für Heilversprechen – aber ein wertvoller Hinweis, dass ESWT bei chronischen Ansatzproblemen ein realistischer Zusatzbaustein sein kann.
SDFT-Tendinitis (Rennpferd): kleine Fallserie, aber klinisch relevant
In einer Fallserie (8 Thoroughbred-Rennpferde) wurde ESWT bei SDFT-Läsionen eingesetzt; ein Teil der Pferde kehrte zum Rennen zurück, andere erlitten Reinjury oder wurden aus dem Sport genommen. Fallserien sind keine “harte” Evidenz, aber sie spiegeln den Alltag: Sehnenheilung ist multikausal (Belastung, Läsionsgrösse, Faserarchitektur, Reha-Disziplin).
DDFT-Umfeld / Accessory ligament (ALDDFT): Beispiel für “kein klarer Effekt”
Wer ESWT seriös anbietet, muss auch Studien kennen, die keinen eindeutigen klinischen Nutzen zeigen. In einem paired, blinded controlled study (Waguespack et al., 2011) an collagenase-induzierten Läsionen des accessory ligament of the deep digital flexor tendon fand sich kein überzeugender Effekt von ESWT auf Läsionsgrösse oder Ultraschallparameter; die Autoren schlossen, ihre Resultate unterstützten einen Effekt in diesem Modell nicht.
Warum ist das wichtig? Weil es zeigt, dass ESWT nicht automatisch “Gewebe heilt”. Das Therapieziel in der Praxis ist häufig realistischer als “Regeneration”: Schmerzmodulation, Funktionsverbesserung und Reha-Fähigkeit – dort, wo es zur Diagnose passt.
Was Grundlagenarbeiten zu “Dosis und Gewebeantwort” nahelegen
Zwei experimentelle Arbeiten von Bosch et al. an Ponys sind praxisrelevant, weil sie zeigen, dass ESWT in tendinösem Gewebe messbare biologische Effekte auslösen kann – aber nicht zwingend in eine lineare “besser ist mehr”-Logik übersetzbar ist. Kurzfristig wurden metabolische Stimulationszeichen beschrieben, längerfristig fanden sich auch weniger günstige metabolische Muster; und die Matrixveränderungen im normalen Gewebe mahnen zur Vorsicht.
Praxis-Übersetzung: Zielgenauigkeit und Zurückhaltung sind kein “weniger Therapie”, sondern Qualität.
Blogpost 2 hat die Physik ausführlich erklärt. Für die Pferdepraxis reicht oft diese klinische Logik:
Radial (RPWT), wenn Sie eher oberflächlicher/breitflächiger arbeiten oder wenn die Läsion im Ansatzumfeld grossflächig ist (z.B. Insertionsprobleme, myofasziale Komponenten).
Fokussiert, wenn Sie tiefer und präziser an eine definierte Zielzone möchten.
Eine aktuelle Übersicht betont zudem “Real-World”-Sicherheitsaspekte wie Hörschutz (Mensch und Pferd) sowie leichte Sedation/Restraining, um die Anwendung sicher und reproduzierbar zu machen.
Im STORZ Medical VET-Portfolio entspricht diese Modalitätslogik typischerweise:
radial: MASTERPULS MP100 VET »ultra«
fokussiert: DUOLITH SD1 VET »ultra«
Damit ESWT nicht “Stimmungssache” wird, hilft ein Standard-Workflow:
Vor der Sitzung:
Sie definieren Zielstruktur, dokumentieren Ausgangslage (Lahmheitsgrad, Palpation, Sonografie-Bilder), und legen fest, was Sie nach 2–6 Wochen als Erfolg werten (z.B. weniger Schmerz bei Provokation, bessere Tragphase, bessere Ultraschallstruktur).
Während der Sitzung:
Areal scheren/clippen (Kopplung!), reichlich Gel, stabile Position.
Patientensicherheit: ruhiges Setting, ggf. leichte Sedation, je nach Pferd.
Zielgenau applizieren: lieber präzise als “grosszügig drüber”.
Nach der Sitzung:
klare Reha-Anweisung: Was darf das Pferd bis zur nächsten Kontrolle?
Termin für Verlaufskontrolle definieren.
Diese Struktur ist nicht nur “nice”, sondern passt zur Studiensystematik: In der RPWT-PSD-Studie wurde nach 10–12 Wochen klinisch und sonografisch re-evaluiert und dann die weitere Belastung gesteuert.
Der analgetische Effekt von ESWT ist klinisch oft erwünscht – aber im Sportpferd auch riskant. Die AAEP nennt als ethischen Kernpunkt das Risiko des Maskierens von Schmerz, was Reinjury begünstigen kann, und empfiehlt eine mindestens 72-stündige Karenz in Bezug auf Wettkampf (unter Berücksichtigung der jeweiligen Reglemente).
Für Praxen bedeutet das sehr konkret:
ESWT immer mit einem Belastungsplan koppeln.
Besitzerinnen und Besitzer explizit darauf hinweisen, dass “es läuft besser” nicht heisst “es ist belastbar”.
Sport-/Rennreglemente aktiv ansprechen und dokumentieren.
Eine saubere ESWT-Kommunikation ist überraschend einfach, wenn Sie sich an drei Sätze halten:
“Wir setzen ESWT als Zusatzmassnahme ein, um Schmerz und Funktion in ausgewählten Fällen zu verbessern.”
“Die Datenlage ist je nach Indikation unterschiedlich, und nicht jedes Pferd spricht gleich an.”
“Entscheidend sind Diagnose, Reha und Verlaufskontrollen – daran messen wir den Erfolg.”
Wenn Sie so kommunizieren, sind Sie automatisch evidenznäher als 90% der “Marketing-Texte” im Netz.
Für Fesselträgerursprung, PSD und bestimmte Sehnen-/Ansatzprobleme gibt es klinische Daten, die ESWT als sinnvollen Zusatzbaustein stützen – besonders, wenn Sie seriös diagnostizieren, in Serien denken und die Reha konsequent steuern. Gleichzeitig zeigen Studien und experimentelle Arbeiten auch Grenzen: ESWT ist nicht automatisch “Regeneration”, und in gewissen Modellen findet sich kein klarer Effekt.
Wenn Sie ESWT beim Pferd qualitativ hochstehend anbieten möchten, lohnt es sich, die Modalität (radial vs fokussiert) konsequent nach Zielgewebe und Tiefe zu wählen und die Behandlung in ein klares SOP- und Reha-Konzept einzubetten. Moderne Reviews betonen genau diesen “safe and judicious use”-Ansatz – inklusive Hörschutz, Patientensicherheit und klarer Protokolllogik.
Möchten Sie Ihre ESWT-Protokolle für Pferd (PSD/Ansatz/Sehne) standardisieren oder die passende Modalität für Ihren Indikationsmix evaluieren? MVB Medizintechnik unterstützt Sie gerne mit Demo, Schulung und einem praxisnahen Workshop.
American Association of Equine Practitioners (AAEP). (2025). Position Statement on the Use of Extracorporeal Shockwave Therapy (ESWT).
Bosch, G., Lin, Y. L., van Schie, H. T. M., van de Lest, C. H. A., Barneveld, A., & van Weeren, P. R. (2007). Effect of extracorporeal shock wave therapy on the biochemical composition and metabolic activity of tenocytes in normal tendinous structures in ponies. Equine Veterinary Journal, 39(3), 226–231. https://doi.org/10.2746/042516407X180408
Bosch, G., de Mos, M., van Binsbergen, R., van Schie, H. T. M., van de Lest, C. H. A., & van Weeren, P. R. (2009). The effect of focused extracorporeal shock wave therapy on collagen matrix and gene expression in normal tendons and ligaments. Equine Veterinary Journal, 41(4), 335–341. https://doi.org/10.2746/042516409X370766
Crowe, O. M., Dyson, S. J., Wright, I. M., Schramme, M. C., & Smith, R. K. W. (2004). Treatment of chronic or recurrent proximal suspensory desmitis using radial pressure wave therapy in the horse. Equine Veterinary Journal, 36(4), 313–316. https://doi.org/10.2746/0425164044890562
Hunter, J., McClure, S. R., Merritt, D. K., & Reinertson, E. (2004). Extracorporeal shockwave therapy for treatment of superficial digital flexor tendonitis in racing Thoroughbreds: 8 clinical cases. Veterinary and Comparative Orthopaedics and Traumatology, 17(3), 152–155. https://doi.org/10.1055/s-0038-1632804
Johnson, S. A., Richards, R. B., Frisbie, D. D., Esselman, A. M., & McClure, S. R. (2023). Equine shock wave therapy – where are we now? Equine Veterinary Journal, 55(4), 593–606. https://doi.org/10.1111/evj.13890
Lischer, C. J., Ringer, S. K., Schnewlin, M., Imboden, I., Fürst, A. E., Stöckli, M., & Auer, J. (2006). Treatment of chronic proximal suspensory desmitis in horses using focused electrohydraulic shockwave therapy. Schweizer Archiv für Tierheilkunde, 148(10), 561–568. https://doi.org/10.1024/0036-7281.148.10.561
Waguespack, R. W., Burba, D. J., Hubert, J. D., Vidal, M. A., Lomax, L. G., Chirgwin, S. R., & Lopez, M. J. (2011). Effects of extracorporeal shock wave therapy on desmitis of the accessory ligament of the deep digital flexor tendon in the horse. Veterinary Surgery, 40(4), 450–456. https://doi.org/10.1111/j.1532-950X.2011.00800.x
(Löffeld/Boening et al.). (2002). Radiale extrakorporale Stosswellentherapie bei Pferden mit chronischer Insertionsdesmopathie am Fesselträgerursprung – eine kontrollierte Studie. Pferdeheilkunde, 18(2), 147–154.
(Giunta et al.). (2019). Prospective randomized comparison of platelet rich plasma to extracorporeal shockwave therapy for treatment of proximal suspensory pain in western performance horses. Research in Veterinary Science, 126, 38–44. https://doi.org/10.1016/j.rvsc.2019.07.020
MVB Medizintechnik AG mit Sitz in Frick (Schweiz) ist ein spezialisierter Distributor in den Bereichen Kardiotokografie (CTG) für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Stosswellentherapie. Das Unternehmen bietet eine Auswahl an CTG-Produkten und weiteren gynäkologischen Geräten sowie moderne Stosswellengeräte und andere innovative Produkte für die Frauengesundheit.