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ESWT jenseits der Klassiker: Wundheilung, Narbengewebe, Ellbogenhygrom und Triggerpunkte – was wirklich sinnvoll ist (und wie Sie es sauber umsetzen)

Geschrieben von MVB-Medizintechnik | March 2026

Wenn man über extrakorporale Stosswellentherapie (ESWT) spricht, landen viele sofort bei Sehnen, Bändern und Arthrose. Das ist verständlich – dort gibt es die meisten klinischen Anwendungen. Spannend (und für Praxen oft differenzierend) wird ESWT aber dort, wo der Markt noch nicht “abgenutzt” ist: Wundheilung, Narbengewebe, Hygrome und myofasziale Triggerpunkte.

Wichtig: Genau in diesen Feldern ist die Evidenz uneinheitlicher als bei den klassischen orthopädischen Indikationen. Die AAEP führt Wundheilung und myofasziale Schmerzen denn auch explizit als “emerging applications” auf – also Anwendungen, die untersucht werden und vorsichtig zu beurteilen sind.

In diesem Beitrag zeige ich Ihnen, wie Sie diese Indikationen wissenschaftlich sauber, klinisch sicher und kommunikativ korrekt in Ihren Praxisalltag integrieren – ohne Heilversprechen und ohne “Marketing-Übertreibung”.

Warum diese “Spezial-Indikationen” für Ihre Praxis relevant sind

Bei chronischen Wunden, problematischem Narbengewebe oder wiederkehrenden Hygromen ist die Erwartungshaltung der Kundschaft oft hoch – und die Frustration nach wiederholten Rückfällen ebenfalls. Genau hier kann eine nichtinvasive Zusatzmassnahme wie ESWT interessant sein, wenn Sie sie als Teil eines Gesamtplans positionieren:

  • Sie schaffen ein strukturiertes Vorgehen (Diagnostik → Zieldefinition → Behandlungsserie → Re-Evaluation).

  • Sie verbessern die Reha-Fähigkeit (z.B. durch Schmerzmodulation, bessere Gewebetoleranz für Physio/Bewegung).

  • Und Sie differenzieren sich über Wissen und Prozessqualität, nicht über “Wunderresultate”.

Die grosse systematische Review zu ESWT in Sport- und Kleintieren fasst die Lage nüchtern zusammen: Es gibt Untersuchungen auch zu Wundheilung, aber insgesamt ist die Evidenz pro Indikation oft begrenzt und teilweise methodisch schwach – positive Resultate sind nicht immer unabhängig repliziert.

Wundheilung beim Pferd: Was Studien wirklich zeigen

Randomisierte Studie: distal an der Gliedmasse, kleiner Datensatz – aber klinisch interessant

Eine randomisierte kontrollierte Studie an sechs Pferden untersuchte fokussierte ESWT bei experimentell erzeugten Vollhautwunden am distalen Bein. Die Parameter wie Epithelialisationsfläche und Wundkontraktion unterschieden sich nicht klar – die Heilungszeit war in der ESWT-Gruppe jedoch im Mittel kürzer (76 vs. 90 Tage).

Praxis-Interpretation: Das ist kein Freipass für “ESWT heilt Wunden”. Aber es ist ein plausibler Hinweis, dass ESWT bei bestimmten Wundtypen am distalen Bein einen Beitrag leisten kann – vorausgesetzt, Wundmanagement (Debridement, Infektionskontrolle, Verbandstechnik, Ruhigstellung/Belastung) ist sauber.

Mechanistische Daten: Einfluss auf Wachstumsfaktoren/Signalwege in Pferdewunden

In einer weiteren Arbeit (14 Pferde) wurde untersucht, wie ESWT die Genexpression von Wachstumsfaktoren in intakter Haut und in chirurgisch erzeugten Wunden beeinflusst. In Wunden war ESWT u.a. mit einer reduzierten TGF-β1-Expression assoziiert; die Autoren diskutieren dies als möglichen Zusammenhang mit Granulationsgewebe-Management.

Praxis-Interpretation: Das liefert biologische Plausibilität – aber auch hier gilt: Mechanismusdaten ersetzen nicht die klinische Fallselektion.

Saubere Indikationsstellung: wann ESWT bei Wunden eher sinnvoll ist

Aus klinischer Sicht macht ESWT als Zusatzmassnahme vor allem dann Sinn, wenn:

  • die Wunde stabil gemanagt ist (Debridement/Infektionskontrolle/Verband),

  • die Hauptproblematik eher im Gewebeverhalten liegt (z.B. “träge” Heilungsdynamik, problematische Granulation),

  • und Sie Outcome definieren (z.B. Fotodokumentation, Wundfläche, Zeit bis belastbarer Epithelisierung).

Was ich explizit vermeiden würde: ESWT als “letzter Strohhalm” bei ungeklärter Infektion, nekrotischem Gewebe oder fehlender Druckentlastung/Verbandsdisziplin.

Narbengewebe: Was wir aus Humanmedizin ableiten dürfen – und wo Veterinärdaten fehlen

In der STORZ Veterinär-Broschüre werden Wundheilung und Narbengewebe als Anwendungsfelder bei Pferd und Hund genannt. 

Die belastbareren Studiendaten zu Narben kommen aber überwiegend aus der Humanmedizin. Beispielsweise zeigte eine prospektive randomisierte, doppelt verblindete Studie bei hypertrophen Narben nach Verbrennungen der Hand Verbesserungen in Schmerz und Narbenparametern unter ESWT gegenüber Sham. Eine weitere randomisierte Studie in der frühen Remodelling-Phase fand u.a. eine Verbesserung der Elastizität gegenüber Placebo.

Auf zellulärer Ebene gibt es zudem Hinweise, dass ESWT in Fibroblasten aus hypertrophen Narben fibroseassoziierte Marker beeinflussen kann (z.B. TGF-β1/α-SMA/Collagen-Signale).

Was bedeutet das für Tierärztinnen und Tierärzte?
Sie können Narben/Gewebesteifigkeit als potenzielles ESWT-Feld seriös diskutieren – aber Sie sollten klar sagen: Veterinär-spezifische, hochwertige klinische Studien zu Narbengewebe sind limitiert. Positionieren Sie ESWT darum als vorsichtige Zusatzoption zur Verbesserung von Beschwerden/Funktion, nicht als garantierte “Narbenauflösung”.

Ellbogenhygrom beim Hund: selten “schön”, oft rezidivierend – und plötzlich ein spannender ESWT-Case-Ansatz

Das Ellbogenhygrom ist ein Paradebeispiel für eine Problematik, bei der konservative Massnahmen (Polsterung, Druckentlastung) zwar zentral sind, aber grosse Hygrome oder ulcerierte/infizierte Verläufe schnell kompliziert werden.

2023 erschien in der Tierärztlichen Praxis K ein Case-Ansatz: In einer kleinen Fallserie (4 Hygrome bei 3 Hunden) wurden Hygrome mit ESWT 3–6 Mal, meist wöchentlich behandelt; alle Hygrome regredierten, Komplikationen wurden nicht berichtet. Die Autorinnen/Autoren diskutieren ESWT als potenziell einfache Alternative im Vergleich zu chirurgischen Optionen, die längere Reha und Komplikationsraten haben können.

Wichtig für Ihre Beratung:
Das ist eine sehr kleine Serie, also kein Beweis. Aber klinisch ist es hochinteressant, weil Hygrome in der Praxis genau die Fälle sind, bei denen Besitzerinnen und Besitzer eine nichtinvasive Option sehr schätzen – solange Sie sauber kommunizieren, dass die Datenlage noch begrenzt ist.

SOP-Empfehlung (Hygrom Hund):

  • Immer zuerst Ursache adressieren: harte Liegeflächen, Druckpunkte, orthopädische Probleme, die “schiefes Liegen” fördern.

  • ESWT nur, wenn Druckentlastung/Polsterung wirklich umgesetzt wird (sonst bleibt es ein Reiz-Loop).

  • Re-Evaluation nach 2–3 Sitzungen mit objektiver Doku (Umfang, Foto, Palpation, Schmerz).

Triggerpunkte & myofasziale Schmerzen: “Weiche” Indikation, harte Realität im Alltag

Triggerpunkte sind in der Veterinärpraxis omnipräsent – besonders bei:

  • kompensatorischen Muskelketten nach Lahmheiten,

  • Rückenproblemen,

  • chronischen Fehlbelastungen bei Sporthunden und Sportpferden.

Die AAEP nennt myofasziale Schmerzen als aufkommendes ESWT-Anwendungsfeld. Und: In der STORZ Broschüre werden Triggerpunkte/Verspannungen explizit als Einsatzgebiet erwähnt (Pferd und Hund). 

Was ist die bestmögliche, ehrliche Aussage?

Für Tiere ist die Studienlage zu myofaszialen Triggerpunkten weniger robust als in der Humanmedizin. Dort gibt es randomisierte Daten und Meta-Analysen, die ESWT bei myofaszialem Schmerzsyndrom als wirksam für Schmerz und Funktion im Mittel beschreiben (bei teils hoher Heterogenität).

In der Pferde-Reha gibt es zudem objektivierbare “Zwischenmarker”: Eine Studie an gesunden Vollblütern zeigte nach radialer ESWT über dem M. longissimus dorsi eine Erhöhung der Hautoberflächentemperatur und eine Abnahme des Muskeltonus unmittelbar nach Behandlung; die Autorinnen/Autoren betonen den vorläufigen Charakter und den Bedarf an weiteren Studien.

Praxis-Übersetzung:
Triggerpunkt-ESWT ist häufig weniger “Heilung einer Läsion” als Fenster für Training/Physio. Wenn Sie ESWT so verkaufen (“wir machen den Muskel behandelbar, damit Reha wirkt”), sind Sie wissenschaftlich und klinisch auf der sicheren Seite.

Modalität und Gerätewahl: radial vs fokussiert für diese Indikationen

Fokussierte Stosswellen eignen sich besonders für tiefer liegende Zielgebiete, radiale Druckwellen eher für oberflächennähere Indikationen.

Für die Praxis bedeutet das oft:

  • Radial (MASTERPULS MP100 VET »ultra«) für Triggerpunkte, myofasziale Areale und eher oberflächliche Zielstrukturen; in der Produktübersicht werden u.a. Druck 0,3–5,0 bar, Frequenz 1–21 Hz und therapeutische Wirksamkeit bis 50 mm genannt. 

  • Fokussiert (DUOLITH SD1 VET »F-SW ultra«) wenn Sie gezielt Tiefe adressieren wollen; in der Produktübersicht werden 0,01–0,35 mJ/mm², therapeutische Wirksamkeit bis 125 mm und Fokuszone 0–65 mm genannt. 

Für Wundheilung/Narbe ist die Modalität abhängig von Lokalisation und Ziel (oberflächliche Gewebeantwort vs tieferer Fokus am distalen Bein). Entscheidend ist weniger “welches Gerät”, sondern dass Sie ein reproduzierbares SOP bauen (siehe nächstes Kapitel).

SOP: So setzen Sie ESWT bei Wundheilung/Narbe/Hygrom/Triggerpunkten sicher um

Patientenselektion & Kontraindikationen

Die AAEP führt klassische Kontraindikationen auf (u.a. maligne Tumoren im Areal, Blutungsstörungen/Antikoagulation, Trächtigkeit, Wachstumsfugen) und betont die Notwendigkeit fundierter Ausbildung und strukturierter Evaluation.

Serienlogik statt Einzelsitzung

Gerade bei “Spezial-Indikationen” ist die Serie oft entscheidend: Die Hygrom-Fallserie nutzte typischerweise wöchentliche Behandlungen über mehrere Wochen. Bei Wunden wurden in Studien wiederholte Sitzungen (z.B. wöchentlich) eingesetzt.

Outcome-Messung

  • Wunden: Foto (gleicher Abstand/Licht), Wundfläche (Raster/Apps), Zeit bis belastbarer Epithelisierung.

  • Narben: Palpationsscore (Pliabilität), Umfang/Bewegungsradius, funktionelle Parameter (z.B. Schrittlaenge, Sprungkraft, Treppensteigen).

  • Hygrom: Umfang/Messband, Foto, Schmerz/Ulzeration.

  • Triggerpunkte: Palpation + Funktion (z.B. Rückenbeweglichkeit, Taktreinheit, Arbeit unter dem Sattel, Sprung-/Sitzverhalten beim Hund).

Wenn Sie diese Messpunkte konsequent in die Patientenakte integrieren, werden ESWT-Fälle automatisch “besser”, weil Sie schneller sehen, wann Sie Kurs korrigieren müssen.

Sicherheit, Sport und Ethik: besonders wichtig, wenn Schmerzen nachlassen

Ein zentraler Punkt der AAEP ist die ethische Problematik des Schmerzmaskierens und das Reinjury-Risiko. Deshalb empfiehlt die AAEP eine minimale 72-Stunden-Karenz vor Wettbewerb (unter Berücksichtigung der jeweiligen Regeln).

Auch wenn dieser Hinweis aus dem Pferdesport kommt: Das Grundprinzip gilt in jeder Spezies. Wenn ESWT Schmerzen reduziert, muss das Belastungsmanagement umso klarer sein – besonders bei Wunden und bei Weichteilproblemen.

Fazit

Wundheilung, Narbengewebe, Hygrome und Triggerpunkte sind keine “Wunder-Indikationen” für ESWT – aber sie sind ein Feld, in dem sich eine Praxis über saubere Prozessqualität und ehrliches Erwartungsmanagement stark differenzieren kann. Für Pferdewunden gibt es experimentelle und mechanistische Daten, die einen potenziellen Nutzen stützen. Für das Ellbogenhygrom beim Hund gibt es eine kleine, aber klinisch spannende Fallserie. Für Narben und Triggerpunkte ist die Humanmedizin evidenzreicher, während veterinärmedizinisch weiterhin Forschungslücken bestehen – was Sie in der Aufklärung transparent machen sollten.

Wenn Sie ESWT in Ihrer Praxis nicht “irgendwie”, sondern als standardisiertes Angebot (SOP, Team-Schulung) aufbauen möchten, unterstützt Sie MVB Medizintechnik gerne – inklusive Geräte-Demo für MASTERPULS MP100 VET »ultra« und DUOLITH SD1 VET »F-SW ultra«

Literatur

  • American Association of Equine Practitioners (AAEP). (2025). Position Statement on the Use of Extracorporeal Shockwave Therapy (ESWT).

  • Hyytiäinen, H., et al. (2022). Systematic Review of Complementary and Alternative Veterinary Medicine in Sport and Companion Animals: Extracorporeal Shockwave Therapy. Animals, 12(22), 3124.

  • (Pferd – Wunde) Effects of extracorporeal shock wave therapy on wounds of the distal portion of the limbs in horses. American Journal of Veterinary Research.

  • Link, K. A., Koenig, J. B., Silveira, A., Plattner, B. L., & Lillie, B. N. (2013). Effect of unfocused extracorporeal shock wave therapy on growth factor gene expression in wounds and intact skin of horses. American Journal of Veterinary Research, 74(2), 324–332.

  • Verhoeven, A., Huels, N., & Harms, O. (2023). Novel approach for the treatment of canine elbow hygroma with extracorporeal shockwaves. Tierärztliche Praxis Ausgabe K: Kleintiere/Heimtiere, 51(3), 182–188.

  • Święcicka, K., et al. (2023). The Effect of Radial Extracorporeal Shock Wave Therapy on the Skin Surface Temperature of the Longissimus Dorsi Muscle in Clinically Healthy Racing Thoroughbreds. Animals, 13(12), 2028.

  • Lee, S. Y., et al. (2020). Clinical Utility of Extracorporeal Shock Wave Therapy on Hypertrophic Scars of the Hand Caused by Burn Injury: A Prospective, Randomized, Double-Blinded Study. Journal of Clinical Medicine, 9(5), 1376.

  • Renò, F., et al. (2020). The effects of shock wave therapy applied on hypertrophic burn scars: a randomised controlled trial. Burns & Trauma / PMC.

  • Kim, J. Y., et al. (2018). Extracorporeal Shock Wave Therapy Alters the Expression of Fibrosis-Related Molecules in Fibroblast Derived from Human Hypertrophic Scar. International Journal of Molecular Sciences, 19(1), 124.

  • Sari, Z., et al. (2019). Randomized Trial on Comparison of the Efficacy of Extracorporeal Shock Wave Therapy and Dry Needling in Myofascial Trigger Points. American Journal of Physical Medicine & Rehabilitation.

  • Navarro-Santana, M. J., et al. (2023). Efficacy of Extracorporeal Shockwave Therapy on Pain and Function in Myofascial Pain Syndrome: A Systematic Review and Meta-analysis. American Journal of Physical Medicine & Rehabilitation.

Über MVB Medizintechnik AG

MVB Medizintechnik AG mit Sitz in Frick (Schweiz) ist ein spezialisierter Distributor in den Bereichen Kardiotokografie (CTG) für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Stosswellentherapie. Das Unternehmen bietet eine Auswahl an CTG-Produkten und weiteren gynäkologischen Geräten sowie moderne Stosswellengeräte und andere innovative Produkte für die Frauengesundheit.