Wer ESWT (extrakorporale Stosswellentherapie) in der Tierarztpraxis anbietet, merkt schnell: Die eigentliche Kunst ist nicht “Stosswelle ja oder nein?”, sondern welche Welle, welche Dosis und welches Ziel. Genau hier entstehen die meisten Frustrationen – und gleichzeitig die grössten Qualitätsunterschiede zwischen “wir haben auch so ein Gerät” und einem echten, evidenzorientierten ESWT-Angebot.
In diesem Artikel bekommen Sie ein praxistaugliches Entscheidungsmodell, das Sie bei jeder ESWT-Indikation durchgehen können. Ohne starre Rezepte – dafür mit sauberer Physik, klinischer Logik, Sicherheitsleitplanken und konkreten Beispielen für Pferd und Kleintier.
In der Alltagssprache werden “radiale Stosswellen” und “fokussierte Stosswellen” oft in einen Topf geworfen. Fachlich ist die Unterscheidung wichtig, weil sie direkt beeinflusst, wie tief Energie wirkt und wie präzise Sie eine Struktur treffen.
Die International Society for Medical Shockwave Treatment (ISMST) trennt klar zwischen focused extracorporeal shockwaves und radial pressure waves (radiale Druckwellen).
Erzeugung z.B. elektromagnetisch, elektrohydraulisch oder piezoelektrisch (je nach System).
Energie wird in einer Fokuszone in definierter Tiefe konzentriert.
“Dose” wird in der Regel über die Energieflussdichte (EFD, mJ/mm²) beschrieben.
Diese Grundprinzipien sind seit den frühen orthopädischen ESWT-Publikationen etabliert.
Erzeugung häufig pneumatisch (Projektil/Impaktor), je nach System auch über andere Prinzipien.
Höchste Energie am Applikator, dann rasche Abnahme mit zunehmender Tiefe.
“Dose” wird typischerweise über Druck (bar), Impulszahl und Frequenz beschrieben.
Wichtig: Radiale Druckwellen unterscheiden sich physikalisch von fokussierten Stosswellen – das ist kein Qualitätsurteil, sondern eine Frage des Einsatzbereichs.
Wenn Sie vor einem Patienten stehen, helfen drei simple Fragen mehr als jede Geräteschulung-Folie:
Wo liegt das Zielgewebe – und wie tief?
Ist das Ziel eher “punktuell/definiert” oder “flächig/diffus”?
Was ist das primäre Therapieziel? (z.B. Schmerzlinderung/Funktionsverbesserung als Teil eines Reha-Plans)
Diese Logik ist kompatibel mit dem, was die Evidenzlage in der Veterinärmedizin hergibt: Für einige Indikationen sind Resultate ermutigend, insgesamt bleiben Daten aber heterogen und pro Protokoll schwer vergleichbar. Gerade deshalb lohnt sich eine strukturierte Entscheidungsstrategie.
Statt “radial ist besser” oder “fokussiert ist besser” gilt in der Praxis meist:
Radial ist stark, wenn Sie oberflächlicher und grossflächiger arbeiten möchten, etwa bei myofaszialen Arealen oder oberflächennahem Enthesen-Umfeld.
Fokussiert spielt die Stärken aus, wenn das Ziel tiefer liegt oder präzises Targeting entscheidend ist (z.B. definierte tiefe Ansatzregionen, klar lokalisierbare Schmerzpunkte in der Tiefe, bestimmte Huf-/Fuss-Strukturen beim Pferd).
Die systematische Review zur ESWT in Sport- und Kleintieren beschreibt zudem, dass viele veterinärmedizinische Studien mit 1–3 Sitzungen in 1–3-wöchigen Intervallen arbeiten – die Wahl der Modalität und die genaue Dosis variiert jedoch deutlich.
Ein häufiger Denkfehler: Man versucht, Druckeinstellungen (bar) aus der radialen Therapie direkt mit Energiewerten (mJ/mm²) aus der fokussierten Therapie zu vergleichen. Das funktioniert nicht sauber, weil die Wellenformen und die Energiedeposition im Gewebe unterschiedlich sind.
Energieflussdichte (EFD, mJ/mm²)
Impulse (Anzahl)
Frequenz (Impulse pro Sekunde)
Fokus-Tiefe / Vorlaufstrecke / Targeting
Druck (bar)
Impulse
Frequenz (Hz)
Applikationsstil (punktuell vs “sweeping” über ein Areal)
Für die Praxis bedeutet das: Dosis ist mehrdimensional. Wer nur “hochdreht”, ohne Ziel und Reha-Plan, produziert eher Nebenwirkungen, schlechte Toleranz und unklare Resultate – besonders bei Sportpferden, wo analgetische Effekte zu Frühbelastung verleiten können.
Damit die Physik im Alltag nicht abstrakt bleibt, hilft es, die Modalitäten an konkreten Geräten zu denken. Zwei typische Setups (Herstellerangaben):
Aus der STORZ Medical Veterinär-Broschüre:
Druckbereich 0,3–5,0 bar
Frequenz 1–21 Hz
Therapeutische Wirksamkeit: bis ca. 50 mm Eindringtiefe
Optional V-ACTOR® Vibrationstherapie mit 31 Hz
Handstück FALCON mit integriertem Display, langes Handstückkabel (3,50 m), mobil (Tasche/Koffer), optional Touchscreen
Praxisnutzen (typisch): schnell am Patienten, gut für flächige/oberflächennahe Ziele, einfacher Workflow in der Sprechstunde.
Aus der STORZ Medical Veterinär-Broschüre:
Energie 0,01–0,35 mJ/mm²
Optional bis 0,01–0,55 mJ/mm²
Tiefe der Fokuszone 0–65 mm
Therapeutische Wirksamkeit: bis ca. 125 mm Eindringtiefe
Handstück SEPIA mit Display, wechselbare Vorlaufstrecken (für präziseres Targeting), mobil (Transportkoffer), optional Touchscreen
Praxisnutzen (typisch): wenn Tiefe/Präzision im Vordergrund stehen und Sie gezielt definierte Strukturen adressieren möchten.
Die folgenden Beispiele sollen keine “Kochrezepte” sein. Sie zeigen, wie man strukturiert denkt, dokumentiert und dosiert – mit realistischen Erwartungen.
Auch fokussierte ESWT wurde bei chronischer PSD untersucht, mit differenzierten Ergebnissen je nach Lokalisation und Falltyp.
Entscheidungslogik:
Wenn Zielregion klar definierbar und ggf. tiefer liegt → fokussiert (z.B. DUOLITH) als naheliegende Option.
Wenn Sie breitflächiger im Ansatzumfeld arbeiten oder oberflächlicheres Ziel vermuten → radial (z.B. MASTERPULS) kann passen.
Qualitätsanker: Ohne konsequente Belastungssteuerung/Reha verliert ESWT bei PSD stark an Aussagekraft.
Entscheidungslogik:
Hüft-OA ist häufig eher “flächenhaft” in der Symptomatik (Muskelketten, Kapselregion, Schmerzadaptationen). Radial kann hier als gut integrierbarer Baustein in einem Reha-Plan sinnvoll sein.
Fokus bleibt: messbare Funktion (Gangbild, Symmetrie, Belastbarkeit) und multimodales OA-Management.
Hier ist die Stärke der fokussierten Therapie in der Regel die Tiefe + Präzision. Wenn Targeting zentral ist, spricht das eher für ein fokussiertes System mit definierter Fokuszone und Vorlaufstrecken.
Entscheidungslogik: fokussiert (DUOLITH) ist oft die technologisch passendere Wahl, weil Sie tiefer und gezielter “arbeiten” können.
Hier sind die Daten oft weniger robust, die klinische Logik aber nachvollziehbar: grossflächige Areale, Trigger-/Spannungsmuster, Kombination mit Bewegungstherapie.
Entscheidungslogik: radial (MASTERPULS) passt häufig gut in den Workflow, insbesondere wenn Sie in der Reha regelmässig myofasziale Komponenten adressieren.
Je strukturierter Ihr ESWT-Angebot ist, desto einfacher wird Aufklärung, Dokumentation und Qualitätssicherung.
Die ISMST nennt Kontraindikationen wie malignen Tumor im Behandlungsareal und (je nach Energie/Modalität) Epiphysenfuge im Behandlungsfeld sowie weitere Sicherheitsaspekte.
Die systematische Review betont zudem, dass die Evidenz je Indikation begrenzt ist – was eine saubere Indikationsstellung und Ergebnisdokumentation noch wichtiger macht.
Praktisch heisst das:
klare Indikationskriterien (Diagnose, Zielstruktur, Ziel der Sitzung)
standardisierte Aufklärung (inkl. “keine Garantie”, mögliche Nebenwirkungen, Reha-Pflichten)
standardisierte Dokumentation (Parameter, Areal, Toleranz, unmittelbare Reaktion)
definierter Follow-up (klinisch, ggf. Bildgebung, Funktion)
Besitzerinnen und Besitzer kaufen keine Physik – sie kaufen Orientierung. Das stärkste Argument für ESWT ist selten “Hightech”, sondern:
Sie erklären nachvollziehbar, warum Sie radial oder fokussiert wählen.
Sie definieren ein realistisches Ziel (z.B. Funktionsverbesserung, Belastbarkeit, Reha-Integration).
Sie messen Verlauf statt Bauchgefühl.
Sie sprechen Grenzen offen an.
Genau das unterscheidet eine Praxis, die ESWT “anbietet”, von einer Praxis, die ESWT beherrscht.
Radial vs fokussiert ist keine Glaubensfrage, sondern eine saubere klinische Entscheidung entlang von Tiefe, Zielgenauigkeit, Arealgrösse und Therapieziel. Wer Parameter als “Dosis-Bausteine” versteht und ESWT in Diagnostik + Reha einbettet, erzielt die konsistentesten Resultate – und kommuniziert am sichersten.
Wenn Sie ESWT in Ihrer Praxis strukturiert aufbauen möchten, lassen sich mit einem radialen System wie dem MASTERPULS® MP100 VET »ultra« und einem fokussierten System wie dem DUOLITH® SD1 VET »F-SW ultra« zwei komplementäre Einsatzspektren abdecken (je nach Indikationsmix und Praxisfokus).
Möchten Sie eine Geräte-Demo, eine Parameter-Schulung oder einen Protokoll-Workshop für Ihr Team? Kontaktieren Sie MVB Medizintechnik AG – wir helfen Ihnen, ESWT evidenzorientiert und workflow-tauglich zu implementieren.
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MVB Medizintechnik AG mit Sitz in Frick (Schweiz) ist ein spezialisierter Distributor in den Bereichen Kardiotokografie (CTG) für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Stosswellentherapie. Das Unternehmen bietet eine Auswahl an CTG-Produkten und weiteren gynäkologischen Geräten sowie moderne Stosswellengeräte und andere innovative Produkte für die Frauengesundheit.