Skip to content
Stosswellentherapie beim Hund Arthrose & Sehnen evidenzbasiert (CH)
MVB-MedizintechnikMarch 20267 min read

ESWT bei Hund (und was bei der Katze wichtig ist): Arthrose, Schultersehnen und Reha – ein evidenzbasierter Praxisleitfaden für Tierarztpraxen

Die Stosswellentherapie (ESWT) hat sich in vielen Kleintierpraxen von einem “Nice-to-have” zu einem ernsthaften Reha-Baustein entwickelt. Der Grund ist einfach: Chronische muskuloskelettale Probleme wie Arthrose, Schulterlahmheiten oder myofasziale Schmerzsyndrome sind häufig – und Besitzerinnen und Besitzer wünschen sich zusätzliche, möglichst nichtinvasive Optionen, die sich gut mit Physiotherapie, Gewichtsmanagement und Training kombinieren lassen.

Gleichzeitig gilt: In der Kleintiermedizin ist die Evidenzlage je nach Indikation deutlich heterogen. Eine systematische Übersichtsarbeit (1980–2020) fand neun wissenschaftliche Studien zu ESWT beim Hund, aber keine beim Kater oder bei der Katze. Typisch waren ein bis drei Sitzungen in 1–3-wöchigen Intervallen.
Das ist der Leitplanken-Satz für Ihre Beratung: ESWT kann helfen – aber nicht bei jedem Fall, nicht mit jedem Protokoll, und nicht ohne Reha-Plan.

In diesem Artikel bekommen Sie ein praxistaugliches Modell, wie Sie ESWT in der Kleintierpraxis strukturiert einsetzen: Indikation, Diagnostik, Wahl zwischen radial und fokussiert, Sedation/Handling, Protokoll-Logik und Outcome-Messung.

Radial oder fokussiert in der Kleintierpraxis?

Für die praktische Planung reicht oft ein Satz:
Fokussierte Stosswellen eignen sich besonders für tiefer liegende Zielgebiete, radiale Druckwellen eher für oberflächennähere Indikationen.

Das STORZ VET-Portfolio bildet diese beiden Welten klar ab:

Wichtig: Das sind technische Eckdaten, kein klinischer Wirksamkeitsbeweis. Der klinische Nutzen liegt darin, dass Sie Modalität und Tiefe passend zur Diagnose wählen können, statt “eine Einstellung für alles”.

Was ist in der Kleintiermedizin realistisch gut belegt?

Die oben erwähnte systematische Review zeigt zwei Dinge, die Sie in Ihrer Praxis direkt nutzen können:

  1. Es gibt Hinweise auf Nutzen bei einzelnen Indikationen, aber die Studienlage ist insgesamt begrenzt und Protokolle sind schwer vergleichbar.

  2. Bei der Katze ist die Datenlage (zumindest bis 2020) nicht ausreichend, um seriöse, evidenzbasierte Aussagen zu treffen.

Das führt zu einer sauberen Praxisstrategie:

  • Hund: ESWT als evidenzorientierter Reha-Baustein bei ausgewählten OA- und Tendinopathie-Fällen (siehe unten).

  • Katze: Sehr zurückhaltende Indikationsstellung, besonders sorgfältige Aufklärung (“wir haben keine robuste Studienlage”), und wenn überhaupt, dann nur in gut begründeten Einzelfällen innerhalb eines Gesamtplans.

Kernindikation Hund: Arthrose (OA) – Hüfte und Knie als Praxis-Schwergewichte

Hüftarthrose: objektive Gangbildmessung spricht für klinische Effekte

Eine häufig zitierte Arbeit zur Hüftarthrose beim Hund untersuchte 24 client-owned dogs, davon 18 mit radialer Stosswellentherapie und 6 Kontrollen. Die Auswertung erfolgte mittels Force-Plate Analyse; in der behandelten Gruppe verbesserten sich Parameter der Hinterhandfunktion (u.a. Symmetrie).

Was heisst das für Ihre Praxis?

  • Nutzen Sie ESWT bei Hüft-OA nicht als “Monotherapie”, sondern als Fenster für Reha: Wenn Schmerzen sinken und Belastung besser möglich ist, können Sie aktiver therapieren (Muskulatur, Koordination, Gewichtsreduktion).

  • Messen Sie Outcome: Schon einfache, standardisierte Lahmheitsscores plus Besitzerfragebögen sind besser als Bauchgefühl. Wenn Sie Zugang zu objektiver Ganganalyse haben: umso besser.

Kniearthrose (Stifle OA): kontrollierte Evaluation vorhanden

Für natürlich vorkommende Kniearthrose beim Hund gibt es eine Evaluation in Veterinary and Comparative Orthopaedics and Traumatology (VCOT).
Die konkrete “Take-home”-Botschaft: OA ist prinzipiell ein Feld, in dem ESWT als Zusatzmassnahme untersucht wurde und in dem Sie mit klarer Indikation, seriösem Outcome und realistischer Kommunikation arbeiten sollten.

Praxis-Tipp: Bei OA-Fällen gewinnt die Praxis, die ESWT als Teil eines OA-Programms verkauft (Diagnose → Plan → Messung → Anpassung), nicht die Praxis, die ESWT als “Wunderbehandlung” positioniert.

Zweite Kernindikation Hund: Schulterlahmheit durch Bizeps-/Supraspinatus-Tendinopathie

Schulterfälle sind dank moderner Bildgebung (v.a. Ultraschall) heute deutlich besser zu fassen als früher. Und genau hier wird ESWT interessant, weil Tendinopathien häufig chronisch sind und konservative Massnahmen (Schonung allein) nicht reichen.

Zwei Studien sind für die Praxis besonders hilfreich:

  • Retrospektive Auswertung (29 Hunde): Hunde mit Schulter-Tendinopathien (Bizeps und/oder Supraspinatus) wurden mit ESWT behandelt; 85% hatten laut Besitzerbeurteilung gute bis exzellente Ergebnisse im Follow-up.

  • Retrospektive Studie mit Ultraschall-Outcomes (30 Hunde): Nach low-intensity ESWT zeigten sich Verbesserungen im Ultraschallscore und eine klinische Abnahme der Lahmheit, in Kombination mit Ruhe/Rest.

Was Sie daraus ableiten dürfen:

  • ESWT kann bei Bizeps-/Supraspinatus-Tendinopathie ein sinnvoller Baustein sein, besonders wenn Sie Verlauf objektivieren (Ultraschallscore, Querschnittsfläche, klinische Lahmheit).

  • ESWT sollte praktisch immer mit Belastungsmanagement und Therapieübungen kombiniert werden (Reha statt “nur behandeln”).

Sedation, Handling und Sicherheit: der unterschätzte Erfolgsfaktor

Viele Kolleginnen und Kollegen scheitern mit ESWT nicht an der Technik, sondern an der Durchführbarkeit: Lärm, Unbehagen, Patiententoleranz, Zeitdruck.

Eine Frontiers-Arbeit (2023) bringt es praxisnah auf den Punkt: Viele Hersteller empfehlen Gehörschutz und Sedation, weil Behandlung und Geräusch unangenehm sein können. Gleichzeitig weist die Arbeit darauf hin, dass in publizierten canine focused-ESWT-Studien Behandlungen oft unter Sedation oder Narkose durchgeführt wurden, Sedation aber Risiken und Zusatzaufwand bedeutet.

Spannend ist, dass moderne Ansätze (z.B. angepasste Applikatoren) die Behandlung “wach” erleichtern können. In einem randomisierten, sham-kontrollierten Frontiers-Trial (2025) nach TPLO wurden drei ESWT-Sitzungen ohne Sedation durchgeführt; es zeigte sich in der ESWT-Gruppe eine bessere objektive Belastung bei Trab nach 4 Wochen.

Praktische Konsequenz für Ihre SOP:

  • Planen Sie Handling und Sedation nicht “ad hoc”, sondern als Standardprozess: Welche Patiententypen brauchen Sedation? Welche lassen sich wach sicher behandeln?

  • Kommunizieren Sie ehrlich: Der grösste Anteil des Risikos in der ESWT-Sitzung ist oft nicht die Energie selbst, sondern das Sedationsmanagement.

Kontraindikationen: klare Leitplanken (auch für die Aufklärung)

Für die klinische Sicherheit sind Kontraindikationen Gold wert, weil sie Ihre Entscheidung nachvollziehbar machen. Die ISMST (International Society for Medical Shockwave Treatment) listet u.a. folgende Kontraindikationen, je nach Energie/Modalität:

  • Maligner Tumor im Behandlungsareal

  • Fetus im Behandlungsareal

  • Bei hochenergetisch fokussierten Wellen u.a. Epiphysenfuge im Behandlungsareal, schwere Koagulopathie, sowie bestimmte empfindliche Organe/Strukturen im Feld

Für die Kleintierpraxis heisst das ganz konkret: Bei Jungtieren extrem sorgfältig sein (Wachstumsfugen), bei Tumorpatienten lokal strikt abwägen, und bei Gerinnungsproblemen oder Antikoagulation besonders vorsichtig dosieren oder verzichten.

Protokoll-Logik, die funktioniert

Weil Studienprotokolle sehr unterschiedlich sind, ist es sinnvoll, im Alltag eine robuste Logik statt fixe Zahlen zu nutzen. Die systematische Review zeigt, dass 1–3 Sitzungen in 1–3-wöchigen Intervallen häufig sind.

Ein praxistaugliches Vorgehen:

1) Diagnose und Zielstruktur definieren
OA ist nicht “einfach Arthrose”, Schulter ist nicht “einfach Schulter”. Ohne Zielgewebe wird ESWT zur Lotterie.

2) Modalität wählen (Tiefe + Zielgenauigkeit)

  • Oberflächennaher, flächiger Reha-Fokus: radial (z.B. MASTERPULS)

  • Tiefer, präziser Fokus: fokussiert (z.B. DUOLITH)

3) ESWT immer in einen Reha-Plan einbetten
Das ist bei OA und bei Tendinopathien entscheidend, und es wird auch in den tendinopathiebezogenen Studien indirekt sichtbar (Rest/Exercise als Co-Faktor).

4) Outcome messen und Sitzung 2–3 rechtfertigen
Wenn nach der ersten Sitzung gar nichts passiert, heisst das nicht automatisch “ESWT wirkt nicht” – aber es heisst: Sie brauchen klare Kriterien, ob Sie fortfahren oder das Konzept anpassen.

“Welche Indikationen sind typisch?” – eine saubere, marketingtaugliche Antwort

Beispiele für Kleintiere sind u.a. fokussierte Anwendungen wie Tendinitis der Bizepssehne, Kniearthrose und Ellenbogendysplasie, sowie radial u.a. Hüftdysplasie und Triggerpunkte.

So nutzen Sie das seriös im Marketing (ohne zu übertreiben):

  • Formulieren Sie es als “typische Einsatzgebiete, die in der Praxis häufig diskutiert werden” und koppeln Sie es an den Satz: “Ob ESWT im Einzelfall sinnvoll ist, hängt von Diagnose, Zielgewebe und Gesamtplan ab.”

Damit schaffen Sie Interesse, ohne Heilversprechen.

Fazit

ESWT ist in der Kleintierpraxis vor allem beim Hund ein spannender, evidenzorientierter Reha-Baustein – besonders bei Hüft-/Kniearthrose und bei Bizeps-/Supraspinatus-Tendinopathie, wo Studien klinische und teils auch bildgebende Verbesserungen zeigen.
Bei der Katze ist die Studienlage (zumindest bis 2020) zu dünn für belastbare Aussagen, weshalb Zurückhaltung und transparente Aufklärung Pflicht sind.

Wenn Sie ESWT in Ihrer Schweizer Praxis sauber etablieren möchten, ist der Schlüssel nicht “mehr Energie”, sondern bessere Struktur: Diagnose, Modalität (radial vs fokussiert), Sedation/Handling, Reha-Plan und messbare Outcomes.

Möchten Sie eine Demo oder eine Team-Schulung zur Protokoll-Logik für Hund (OA, Schultersehnen, Reha-Workflow)? MVB Medizintechnik unterstützt Sie gern bei der Implementierung von STORZ-Systemen wie MASTERPULS MP100 VET »ultra« und DUOLITH SD1 VET »F-SW ultra« – inklusive klinischem Anwendungskonzept.

Literatur

  • Boström, A., Bergh, A., Hyytiäinen, H., & Asplund, K. (2022). Systematic Review of Complementary and Alternative Veterinary Medicine in Sport and Companion Animals: Extracorporeal Shockwave Therapy. Animals, 12(22), 3124.

  • Mueller, M., Bockstahler, B., Skalicky, M., Mlacnik, E., & Lorinson, D. (2007). Effects of radial shockwave therapy on the limb function of dogs with hip osteoarthritis. Veterinary Record, 160(22), 762–765.

  • Dahlberg, J., & Fitch, G. (2005). The evaluation of extracorporeal shockwave therapy in naturally occurring osteoarthritis of the stifle joint in dogs. Vet Comp Orthop Traumatol, 18(3), 147–152.

  • Kern, T., Manfredi, J., & Tomlinson, J. (2023). Ultrasonographic appearance of supraspinatus and biceps tendinopathy improves in dogs treated with low-intensity extracorporeal shock wave therapy: a retrospective study. Frontiers in Veterinary Science.

  • (2016). Extracorporeal shockwave therapy and therapeutic exercise for supraspinatus and biceps tendinopathies in 29 dogs. Veterinary Record (PubMed).

  • ISMST. (2017). Consensus statement on indications and contraindications (Recommendations).

  • Frontiers in Veterinary Science. (2023). Better patient acceptance in awake canine patients treated for musculoskeletal disease (ESWT trode study).

  • Frontiers in Veterinary Science. (2025). Blinded, randomized, sham-controlled trial assessing a piezoelectric ESWT device following TPLO.

Über MVB Medizintechnik AG

MVB Medizintechnik AG mit Sitz in Frick (Schweiz) ist ein spezialisierter Distributor in den Bereichen Kardiotokografie (CTG) für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Stosswellentherapie. Das Unternehmen bietet eine Auswahl an CTG-Produkten und weiteren gynäkologischen Geräten sowie moderne Stosswellengeräte und andere innovative Produkte für die Frauengesundheit.

VERWANDTE ARTIKEL