Die extrakorporale Stosswellentherapie (ESWT) ist in der Pferde- und Kleintiermedizin längst kein Nischenthema mehr. Viele Praxen setzen sie als nicht-invasive Option bei ausgewählten orthopädischen und rehabilitativen Fragestellungen ein – oft dann, wenn Besitzerinnen und Besitzer eine wirksame, gut integrierbare Zusatzmassnahme suchen oder wenn konservative Bausteine (Belastungssteuerung, Reha, Medikation) ergänzt werden sollen.
Gleichzeitig ist ESWT ein Feld, in dem sich “Erfahrungsmedizin” und wissenschaftliche Evidenz nicht immer decken. Genau deshalb lohnt sich ein nüchterner Blick: Was ist ESWT physikalisch? Was kann sie in Studien tatsächlich zeigen? Wo sind die Grenzen? Und wie setzen Sie ESWT so ein, dass es fachlich sauber, sicher und kommunizierbar bleibt – ohne Heilversprechen?
Was ist ESWT – und warum ist sie für Tierärztinnen und Tierärzte relevant?
ESWT steht für extrakorporale Stosswellen: Akustische Impulse werden ausserhalb des Körpers erzeugt und über ein Handstück transkutan ins Gewebe eingekoppelt. Ziel ist mechanische Energie in definierter Dosis in muskuloskelettale Strukturen zu bringen. Die AAEP (American Association of Equine Practitioners) beschreibt ESWT als nichtinvasive Modalität, die mechanische Energie in Gewebe überträgt und in der Pferdemedizin u.a. bei chronischen Weichteilproblemen und Arthrose eingesetzt wird – mit klaren Hinweisen zu Sicherheit, Ethik und Patientenselektion.
Für Schweizer Praxen ist ESWT vor allem dann spannend, wenn Sie:
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ein grosses orthopädisches und sportmedizinisches Klientel betreuen (Pferd und/oder Hund),
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Reha-Leistungen ausbauen möchten,
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und einen standardisierten, dokumentierbaren Zusatzbaustein suchen, der sich gut in multimodale Behandlungskonzepte integrieren lässt.
Wichtig: ESWT ersetzt weder Diagnostik noch Reha-Plan – sie ist ein Werkzeug, kein Therapieplan.
Die Physik dahinter: Was macht eine Stosswelle zur Stosswelle?
Stosswellen sind nichtlineare, kurz dauernde Druckimpulse mit sehr steilem Druckanstieg und anschliessender Druckabfallphase. In Reviews wird betont, dass Parameter wie Druckverlauf, Fokuszone, Energiedosis und Impulszahl für Wirkung und Vergleichbarkeit zentral sind.
In der Praxis sind zwei Begriffe entscheidend, weil sie direkt bestimmen, wie tief und wie präzise Energie im Zielgewebe ankommt:
Fokussierte ESWT
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Energie wird in einer Fokuszone in definierter Tiefe gebündelt.

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Klinisch relevant bei tieferen oder klar lokalisierbaren Zielstrukturen (z.B. tiefe Band-/Sehnenansätze, definierte Schmerzgeneratoren).
Radiale Stosswelle / radiale Druckwelle (RPWT)
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Maximale Energie eher oberflächennah, mit rascher Energieabnahme in der Tiefe.
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Klinisch oft bei oberflächlicheren Strukturen oder grossflächiger Applikation (z.B. myofasziale Areale, oberflächennahe Enthesen).
Ein zentraler Punkt aus der Literatur: In fachlichen Übersichten wird darauf hingewiesen, dass “radiale Stosswellen” physikalisch häufig eher divergierende Druckwellen sind und sich in Impulsform und Eindringverhalten deutlich von fokussierten Systemen unterscheiden.
Technik ist nicht gleich Technik: Warum die Modalität die Indikation mitbestimmt
Gerade in der Veterinärmedizin ist die anatomische Vielfalt gross: Sehnenansätze beim Pferd, tiefe Strukturen im Hufbereich, Hüftarthrose beim Hund, myofasziale Problematiken – die “eine” Stosswelle für alles gibt es nicht.
Für Praxen, die ESWT strukturiert aufbauen wollen, ist es sinnvoll, die Versorgung als Spektrum zu denken:
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radial für eher oberflächliche/breitflächige Indikationen,
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fokussiert für tiefer liegende, gezielt zu behandelnde Areale.
Beispiel aus dem STORZ Medical VET-Portfolio:
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MASTERPULS® MP100 VET »ultra« (radial): Herstellerangaben nennen eine therapeutische Wirksamkeit bis ca. 50 mm.
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DUOLITH® SD1 VET »F-SW ultra« (fokussiert): Herstellerangaben nennen eine therapeutische Wirksamkeit bis ca. 125 mm und eine Fokuszone von 0–65 mm.
(Quelle: STORZ Medical Produktunterlagen VET)
Der klinische Nutzen dahinter: Sie können Indikationen nach Gewebetiefe und Zielgenauigkeit auswählen, statt “eine Einstellung für alles” zu verwenden.
Was sind plausible Wirkmechanismen? (Und warum das nicht automatisch “Regeneration” bedeutet)
ESWT wird häufig mit “Regeneration” in Verbindung gebracht. Fachlich sauberer ist: ESWT setzt mechanische Reize, die biologische Prozesse modulieren können. Welche Kaskaden in welchem Gewebe dominieren, hängt von Dosis, Gewebeart und Indikation ab.
In einem veterinärmedizinischen Review werden u.a. folgende Mechanismen diskutiert:
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Veränderung von Zytokinen und Wachstumsfaktoren, Modulation von Entzündung,
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Neovaskularisation/Perfusionsveränderungen,
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Effekte auf Knochenstoffwechsel (Osteogenese/Remodelling),
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sowie neuromodulatorische Effekte (Schmerzverarbeitung).
In einem breiteren ESWT-Update wird “Mechanotransduktion” als übergeordnetes Prinzip beschrieben: mechanische Energie führt zu zellulären Signalen, die Gewebeantworten beeinflussen können.
Die klinische Konsequenz: Selbst wenn Mechanismen plausibel sind, bleibt die entscheidende Frage immer: Zeigen gute Studien einen klinisch relevanten Effekt – bei dieser Spezies, dieser Indikation, diesem Protokoll?
Was sagt die Evidenz in Pferd, Hund und Katze wirklich?
Die ehrlichste Zusammenfassung liefert eine systematische Übersicht über ESWT in Sport- und Kleintieren (Pferd, Hund, Katze):
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Es gibt Studien, aber die Evidenz ist insgesamt limitiert (häufig kleine Fallzahlen, methodische Einschränkungen, heterogene Protokolle).
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Für einzelne Bereiche wirken Resultate vielversprechend, insbesondere kurzzeitige Analgesie, bestimmte Band-/Sehnenprobleme und Arthrose – gleichzeitig besteht klarer Bedarf an robusteren Studien.
Das ist kein “Dämpfer”, sondern ein Leitplanken-Argument: ESWT ist kein Allheilmittel – aber kann in ausgewählten Settings sinnvoll sein, wenn Diagnose, Protokoll und Reha stimmen.
Pferd: Proximal Suspensory Desmitis (PSD) als Paradebeispiel
PSD ist in der Praxis häufig und herausfordernd. Hier gibt es mehrere klinische Datenpunkte:
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Radiale Druckwellentherapie (RPWT) bei chronischer/rezidivierender PSD: In einer Studie mit 65 Pferden wurde RPWT in Kombination mit kontrolliertem Training untersucht; ein relevanter Anteil der Pferde konnte innerhalb von Monaten wieder zur Arbeit zurückkehren, und die Prognose hing u.a. vom Ultraschallgrad ab.
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Fokussierte ESWT bei chronischer PSD: Ein Schweizer Bericht (Universität Zürich u.a.) beschreibt Outcomes nach fokussierter elektrohydraulischer ESWT plus Boxenruhe und kontrolliertem Aufbau; dabei wurden deutliche Unterschiede zwischen Vorder- und Hintergliedmassen sowie Rezidive beschrieben – ein wichtiger Hinweis, dass ESWT ohne konsequente Reha nicht “trägt”.
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Prospektiv randomisierter Vergleich ESWT vs PRP bei PSD (Western Performance Horses): In dieser grossen klinischen Studie (100 Pferde) zeigten sich u.a. frühe Lahmheitsverbesserungen nach ESWT; langfristige Outcomes waren differenziert und abhängig von Baseline-Befunden (Ultraschallgrad).
Take-away für die Praxis: PSD eignet sich gut, um ESWT “richtig” zu lernen: saubere Lokalisation, standardisierte Dokumentation, Reha-Plan und realistische Besitzerkommunikation.
Pferd: Arthrose – klinischer Effekt ja, “Disease modifying” unklar
In einem kontrollierten Modell mit experimentell induzierter Karpalgelenksarthrose zeigte ESWT klinische Verbesserungen (Lahmheit), ohne dass klare krankheitsmodifizierende Effekte in Gelenkflüssigkeit/Knorpel nachweisbar waren. Das spricht für ESWT als sinnvollen symptomorientierten Baustein – nicht zwingend als “Knorpel-Heiler”.
Hund: Hüftarthrose – objektive Gangbildparameter als Pluspunkt
Bei Hunden mit Hüftarthrose wurde radiale Stosswellentherapie in einer kontrollierten klinischen Studie untersucht; Force-Plate-Parameter (z.B. PVF/VI) verbesserten sich im Verlauf in der behandelten Gruppe.
Der DOI-Eintrag wird in einer Übersichtsarbeit referenziert (10.1136/vr.160.22.762).
Und: In Übersichtsarbeiten zur canine OA werden die ESWT-Studien oft als heterogen, aber relevant eingeordnet – je nach Gelenk, Protokoll und Outcome-Messung.
Katze: Datenlage leider bisher eher dünn
Die systematische Review fand keine wissenschaftlichen Artikel zur ESWT bei Katzen (Zeitraum 1980–2020). Das heisst nicht “es wirkt nicht”, sondern: Wir wissen es nicht ausreichend – und sollten entsprechend vorsichtig kommunizieren.
Typische Protokolle: Was ist “üblich”, ohne starre Rezepte zu verkaufen?
Ein häufiger Fehler ist, ESWT wie ein fixes Kochrezept zu behandeln. Besser: Evidenz + klinische Erfahrung + Patiententoleranz + Zielgewebe kombinieren.
In der systematischen Review wird beschrieben, dass ESWT in vielen veterinärmedizinischen Studien typischerweise 1–3 Sitzungen in 1–3-wöchigen Intervallen umfasst (je nach Indikation und Studie).
Bei konkreten Indikationen (z.B. PSD, Arthrose Hund) finden sich dann spezifischere Protokolle (Impulse/Frequenz/Energie) – diese gehören in der Serie in die jeweiligen Indikationsposts (siehe Ausblick unten).
Sicherheit & Kontraindikationen: Was gehört in jede ESWT-Checkliste?
Die AAEP betont, dass ESWT bei korrekter Anwendung generell als sicher gilt, nennt aber klare Kontraindikationen und typische, meist milde Nebenwirkungen.
Kontraindikationen (praxisnah, nicht abschliessend):
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maligne Tumoren im Behandlungsareal
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Blutungsstörungen oder Antikoagulation (insbesondere bei höheren Energien)
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Trächtigkeit (Behandlungsareal/Indikation sorgfältig abwägen)
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Behandlung über offenen Wachstumsfugen bei Jungtieren/Fohlen
Typische Nebenwirkungen: vorübergehende Schmerzen während/nach der Behandlung, Hautrötung oder Hämatome; ernsthafte Komplikationen sind selten, setzen aber korrekte Indikation und Technik voraus.
Praktischer Tipp: Standardisieren Sie Ihre Aufklärung. Wenn ESWT “unangenehm” ist, planen Sie Handling/Sedation/Analgesie verantwortungsvoll und dokumentieren Sie dies als Teil der Patientensicherheit.
Ethik im Sport (v.a. Pferd): “Masking Pain” ist real – und gehört in die Beratung
Ein Kernpunkt, der in Marketingtexten oft fehlt, aber in der Praxis entscheidend ist: ESWT kann Schmerzen modulieren. Das kann hilfreich sein – aber es kann auch dazu führen, dass ein Pferd zu früh belastet wird.
Die AAEP weist explizit auf das Risiko des “masking pain” hin und empfiehlt im Kontext von Wettkampfreglementen eine Mindest-Wartezeit von 72 Stunden nach ESWT (als generelle Orientierung; Regeln können je nach Verband variieren).
Für Schweizer Praxen bedeutet das: Kommunikation + Reha-Plan sind nicht “nice to have”, sondern Teil der ethischen Anwendung.
So kommunizieren Sie ESWT korrekt
Wenn Sie ESWT anbieten, gewinnt nicht die Praxis mit den grössten Versprechen, sondern die mit der klarsten, fachlich saubersten Kommunikation.
Formulierungen, die sich bewährt haben:
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“ESWT kann in ausgewählten Fällen zur Schmerzlinderung und Funktionsverbesserung beitragen – die Datenlage ist je nach Indikation unterschiedlich.”
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“Wir beurteilen den Verlauf anhand objektiver Kriterien (Gangbild, Belastbarkeit, Bildgebung, Schmerzscore) und passen den Plan an.”
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“ESWT ist Teil eines Gesamtkonzepts: Belastungssteuerung und Reha sind entscheidend.”
ESWT in der Schweizer Praxis implementieren: Qualität schlägt Aktionismus
Wenn Ihr Ziel ist, ESWT nicht nur “auch noch” anzubieten, sondern als Qualitätsleistung, dann helfen drei Prinzipien:
1) Diagnostik zuerst – ESWT ist kein Diagnosetool
Gerade bei Sehnen-/Bandproblemen: klinische Untersuchung, ggf. diagnostische Anästhesien, Sonografie/Röntgen je nach Verdacht. Die Studien zu PSD zeigen eindrücklich, dass Ultraschallgrad und Lokalisation Prognose und Therapieauswahl beeinflussen können.
2) Outcome messbar machen (sonst bleibt es “Bauchgefühl”)
Hier reichen wenige, aber konsequent erhobene Parameter:
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Lahmheitsgrad / standardisierte klinische Beurteilung
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objektive Gangbildmessung (wenn vorhanden)
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Sonografie-/Bildgebungsbefund (wo sinnvoll)
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Funktionsparameter: Belastbarkeit, Trainingsplan-Compliance, Rezidive
3) Serien-Logik + Reha-Plan
Viele Studien arbeiten mit Serien (z.B. 1–3 Sitzungen in definierten Intervallen). Entscheidend ist, dass Sie dazu einen Reha-Fahrplan mitgeben – sonst “verpufft” der Nutzen oder wird durch Überbelastung konterkariert.
Fazit
ESWT ist in der Veterinärmedizin ein wertvoller, nichtinvasiver Baustein – wenn sie richtig eingeordnet wird: als ergänzende Massnahme innerhalb eines diagnostisch abgesicherten, multimodalen Plans. Die Studienlage ist je nach Indikation unterschiedlich und insgesamt heterogen, zeigt aber in bestimmten Bereichen (z.B. ausgewählte Band-/Sehnenprobleme und Arthrose) ermutigende Signale.
Wenn Sie ESWT in Ihrer Praxis in der Schweiz fachlich sauber implementieren möchten (inkl. Protokolllogik, Dokumentation und Team-Schulung), unterstützt Sie MVB Medizintechnik gerne bei der Auswahl und Integration von STORZ Medical VET-Systemen wie MASTERPULS® MP100 VET »ultra« (radial) und DUOLITH® SD1 VET »F-SW ultra« (fokussiert).
Möchten Sie eine Demo, einen Protokoll-Workshop oder eine Schulung für Ihr Team? Kontaktieren Sie MVB Medizintechnik AG – wir helfen Ihnen, ESWT strukturiert und evidenzorientiert aufzubauen.
Literatur
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Über MVB Medizintechnik AG
MVB Medizintechnik AG mit Sitz in Frick (Schweiz) ist ein spezialisierter Distributor in den Bereichen Kardiotokografie (CTG) für Gynäkologie und Geburtshilfe sowie Stosswellentherapie. Das Unternehmen bietet eine Auswahl an CTG-Produkten und weiteren gynäkologischen Geräten sowie moderne Stosswellengeräte und andere innovative Produkte für die Frauengesundheit.
