Nach Sehnen- und Fesselträgerfällen (Blogpost 3 in dieser Serie) kommt in vielen Pferdekliniken die zweite grosse ESWT-Welt: Gelenke, tiefe Strukturen im Hufbereich und Rücken. Genau hier wird fokussierte ESWT besonders spannend – nicht, weil sie “mehr” verspricht, sondern weil sie Targeting in der Tiefe ermöglicht und damit in Indikationen passt, bei denen oberflächennahe Verfahren schnell an physikalische Grenzen kommen.
Wichtig gleich zu Beginn: Bei Arthrose, Hufrolle oder Rückenproblemen geht es in der Regel um Schmerz- und Funktionsmanagement im Rahmen eines Gesamtplans (Beschlag/Training/Physio/Medikation je nach Fall). Und genau so ist auch die Studienlage zu lesen: Viele Arbeiten zeigen klinische Effekte, aber nicht zwingend “krankheitsmodifizierende” Gewebeeffekte. Ein gutes Beispiel ist das experimentelle Arthrosemodell der Colorado State Gruppe: fokussierte ESWT verbesserte die Lahmheit, zeigte aber keine klaren disease-modifying Effekte an Synovia/Knorpel in diesem Setting.
Der wichtigste Denkfehler bei Gelenk-ESWT: “Wenn es weniger lahmt, ist das Gelenk besser”
Das klingt banal, ist aber zentral für Qualität und Ethik.
In der Studie von Frisbie, Kawcak & McIlwraith (AJVR 2009) wurde Arthrose im mittleren Karpalgelenk experimentell erzeugt. ESWT (fokussiert, 2 Sitzungen) führte zu einer signifikanten klinischen Verbesserung der Lahmheit im Vergleich zu Placebo bzw. PSGAG – ohne dass klare krankheitsmodifizierende Effekte an Synovialflüssigkeit, Synovialmembran oder Knorpel nachgewiesen wurden.
Praxis-Übersetzung:
ESWT kann Teil eines Arthrose-Managements sein (Schmerz, Funktion, Reha-Fähigkeit), aber sie ersetzt weder Diagnose noch Langzeitstrategie (Belastungssteuerung, Beschlag, Gewichts- und Muskelmanagement, ggf. intraartikuläre oder systemische Therapien).
Warum fokussiert bei Arthrose/Spat häufig die logischere Wahl ist
Bei vielen arthrotischen Problemzonen (Tarsus/Spat, Knie, tiefe Hufstrukturen) ist das Zielgewebe nicht “hautnah”. Fokussierte Systeme sind dafür gebaut, Energie in einer Fokuszone in definierter Tiefe abzugeben.
Für die Gerätepositionierung im veterinärmedizinischen Alltag sind die technischen Eckdaten hilfreich:
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DUOLITH SD1 VET »F-SW ultra«: Tiefe der Fokuszone 0–65 mm, therapeutische Wirksamkeit bis 125 mm Eindringtiefe, Energie 0,01–0,35 mJ/mm² (optional bis 0,55 mJ/mm²) sowie wechselbare Vorlaufstrecken fürs präzisere Targeting.
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STORZ nennt typische Pferde-Indikationen für fokussierte ESWT explizit, u.a. Arthrose (Spat), Hufrollensyndrom und Kissing-Spine-Syndrom.
Dies zeigt, wie der Hersteller das Einsatzspektrum technisch gedacht hat: tief + präzise.
Arthrose/Spat (Tarsus): Was wir aus Daten und Realität ableiten dürfen
Für “bone spavin” gibt es klinische Erfahrungsdaten, z.B. die VCOT-Publikation McCarroll & McClure (2002): In einer Kohorte mit 74 Pferden wurde nach fokussierter ESWT über eine Lahmheitsabnahme bei einem grossen Teil der Fälle berichtet (Follow-up ca. 12 Wochen).
Was ist der Take-away für Ihre Beratung?
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Spat ist ein heterogenes Krankheitsbild (Gelenkdegeneration, Schmerz, oft sekundäre Muskel-/Bewegungsmuster).
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ESWT kann als nichtinvasive Zusatzmassnahme sinnvoll sein – aber der Erfolg hängt massiv von Fallselektion und Begleitmassnahmen ab (Beschlag/Orthopädie, Trainingsanpassung, Gewichts- und Muskelaufbau, ggf. intraartikuläre Massnahmen).
Wenn Sie ESWT bei Spat anbieten, ist die beste “Verkaufsargumentation” nicht “wir heilen Spat”, sondern:
Wir bauen ein messbares Programm, das Schmerzen reduziert, Funktion verbessert und die Reha planbar macht.
Hufrolle/Navicular: gemischte Evidenz, starke Praxisrelevanz – und ein Muss an Transparenz
Kaum eine Indikation ist so bekannt – und gleichzeitig so kontrovers – wie “Hufrolle”.
Es gibt Berichte aus dem AAEP-Umfeld, in denen nach ESWT bei Navicular-Syndrom in einem Teil der Pferde eine klinische Verbesserung beobachtet wurde (unmasked vs masked Evaluation zeigte unterschiedliche Anteile; das ist wichtig!).
Gleichzeitig existieren objektive Messstudien, die den “sofortigen Wunder-Effekt” relativieren: In einer prospektiven Force-Plate-Studie (9 client-owned horses) zeigte eine einzelne radial applizierte Behandlung (Frosch/Ballen, definierte Pulse/Parameter) keine Veränderung der Ground Reaction Forces über 7 Tage – während eine diagnostische Analgesie erwartungsgemäss die Lahmheit reduzierte.
Was bedeutet das für Ihre Praxis?
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Bei Navicular-Fällen müssen Sie extrem sauber in der Kommunikation sein: ESWT kann bei manchen Pferden helfen, bei anderen nicht, und kurzfristige objektive Effekte sind nicht garantiert.
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Wenn Sie behandeln, dann mit einem klaren Plan: Diagnoseabsicherung, Zielareal-Definition (wo applizieren?), Reha und Outcome-Messung.
Und noch wichtiger: Weil Hufrolle oft Sportpferde betrifft, kommen wir automatisch zum Ethik-/Regelteil (siehe unten).
Rücken / thorakolumbale Schmerzen: ESWT ist Analgesie – Muskelrehab bleibt Pflicht
Rückenprobleme sind der Klassiker, bei dem ESWT “gut ankommt”, aber häufig zu wenig strukturiert eingesetzt wird.
In einer nicht randomisierten Studie an 12 Pferden mit thorakolumbalem Schmerz erhielten die Tiere 3 ESWT-Behandlungen im Abstand von 2 Wochen. Der mechanische Nociception Threshold (MNT) stieg bei den meisten Pferden über Wochen an, während die Cross-sectional Area des Multifidus in dieser Studie nicht signifikant verändert wurde. Die Autorinnen/Autoren leiten daraus ab, dass ESWT als Analgesie gerechtfertigt sein kann – aber Physiotherapie für die muskuläre Rehabilitation weiterhin nötig ist.
Wenn Sie Rücken-ESWT anbieten, ist das der perfekte Rahmen für ein hochwertiges Paket:
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ESWT als “Pain Window” (Schmerzfenster), um Bewegung wieder zu ermöglichen,
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plus gezielte aktive Reha (Stabilisation, Multifidus/Trunk Control, Longieren/Handarbeit mit System),
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plus Sattel-/Rider-Faktoren und Trainingstuning.
Das verkauft sich nicht nur besser – es ist auch schlicht korrekt.
Sicherheit & Ethik: Warum gutes ESWT-Management Ihre beste “Positionierung” ist
Die AAEP fasst es in ihrer Position sauber zusammen: ESWT ist ein wertvolles Tool, aber es besteht das Risiko, Schmerz zu maskieren, was Reinjury begünstigen kann. Darum empfiehlt die AAEP eine minimale 72-Stunden-Karenz vor Wettbewerb und betont, dass man die jeweiligen Regeln der Disziplin/Jurisdiktion kennen muss.
Zusätzlich gibt es experimentelle Hinweise, dass ESWT die periphere Schmerzempfindung beeinflussen kann: In einer Arbeit wurden nach nonfocused ESW Behandlungen Veränderungen der Nervenleitgeschwindigkeit palmar digitaler Nerven und myelinbezogene Veränderungen beschrieben – mit der klinischen Warnung, dass Pferde mit Läsionen bei Belastung nach Behandlung gefährdet sein könnten.
Gleichzeitig ist es wichtig, nicht zu überinterpretieren: Eine Studie zur Hautsensibilität nach ESWT/RPWT (appliziert über dem palmar digitalen Nerv) fand innerhalb von 48 Stunden keine relevanten Veränderungen der kutanen Sensibilität distal des Areals; die Sedation hatte jedoch einen deutlichen analgetischen Effekt.
Praxis-Standard, der sich bewährt:
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ESWT nur mit sauberer Diagnose und dokumentiertem Ziel
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klare Belastungsregeln schriftlich (Besitzerunterschrift hilft)
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Follow-up fix terminieren
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Sportregeln pro Disziplin aktiv ansprechen
Das ist Ihre Qualitäts- und Haftungsversicherung.
Protokoll-Logik: so bleiben Sie reproduzierbar
Ich würde Gelenk-/Huf-/Rücken-ESWT im Alltag immer nach derselben Logik aufbauen:
(1) Ziel definieren: Schmerzreduktion? Funktionsgewinn? “Trainierbarkeit” verbessern?
(2) Targeting sicherstellen: klinisch + Bildgebung/Blockaden wo sinnvoll
(3) Serien statt Einzelschuss: Viele Studien arbeiten mit 2–3 Sitzungen im Abstand von 1–3 Wochen (auch wenn Protokolle variieren). Eine systematische Review in Sport- und Kleintieren beschreibt genau dieses typische Muster – bei gleichzeitig insgesamt limitierter Evidenz je Indikation.
(4) Outcome messen: Lahmheitsskala, objektive Ganganalyse wenn vorhanden, Palpation/Algometrie im Rücken, Reha-Meilensteine
So vermeiden Sie das häufige Problem, dass ESWT zwar “gemacht” wird, aber niemand genau sagen kann, ob es wirklich etwas gebracht hat.
Geräte- und Workflow-Punkt: warum DUOLITH in der fokussierten Pferde-Praxis oft passt
Für fokussierte Anwendungen (Arthrose/Spat, Hufrolle, tiefe Strukturen, gezielte Rückenareale) ist es im Alltag entscheidend, dass Sie präzise und ermüdungsarm arbeiten können.
Beim DUOLITH SD1 VET »F-SW ultra« sind dafür aus Herstellersicht u.a. vorgesehen: integrierte Bedienelemente im Handstück, lange Kabel, mobile Nutzung (Transportkoffer) und die wechselbaren Vorlaufstrecken, die das Targeting erleichtern sollen.
Und falls Sie in derselben Praxis zusätzlich myofasziale/oberflächennahe Komponenten häufig adressieren: Das STORZ Portfolio sieht dafür radial z.B. den MASTERPULS MP100 VET »ultra« mit Druck 0,3–5,0 bar, Frequenz 1–21 Hz und therapeutischer Wirksamkeit bis 50 mm vor.
In der Realität entscheiden viele Kliniken nicht “entweder/oder”, sondern nach Indikationsmix: fokussiert für Tiefe/Targeting, radial für Fläche/oberflächennah.
Fazit
Fokussierte ESWT kann beim Pferd in Arthrose/Spat, Hufrolle und Rückenproblemen ein wertvoller Baustein sein – vor allem als Teil eines strukturierten Schmerz- und Funktionsmanagements. Die beste Evidenzbotschaft ist dabei nicht “Heilung”, sondern: klinische Verbesserungen sind möglich, krankheitsmodifizierende Effekte sind nicht automatisch nachweisbar, und die Qualität steht und fällt mit Diagnose, Targeting, Reha und Ethik.
Wenn Sie fokussierte ESWT in Ihrer Pferdepraxis sauber implementieren möchten (SOP, Parameterlogik, Schulung fürs Team, Geräte-Demo), unterstützt Sie MVB Medizintechnik gerne – damit Ihr Angebot reproduzierbar, sicher und überzeugend wird.
Literatur
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American Association of Equine Practitioners (AAEP). (2025). Position Statement on the Use of Extracorporeal Shockwave Therapy (ESWT).
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Frisbie, D. D., Kawcak, C. E., & McIlwraith, C. W. (2009). Evaluation of the effect of extracorporeal shock wave treatment on experimentally induced osteoarthritis in middle carpal joints of horses. American Journal of Veterinary Research, 70(4), 449–454. https://doi.org/10.2460/ajvr.70.4.449
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Kawcak, C. E., et al. (2011). Effects of ESWT and PSGAG treatment on biomarkers/subchondral bone in induced equine OA. American Journal of Veterinary Research, 72, 772–779.
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McCarroll, G. D., & McClure, S. R. (2002). Initial experiences with extracorporeal shock wave therapy for treatment of bone spavin in horses – part II. Veterinary and Comparative Orthopaedics and Traumatology, 15(3), 184–186. https://doi.org/10.1055/s-0038-1632735
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McClure, S. R., et al. (2004). Extracorporeal Shock Wave Therapy for Treatment of Navicular Syndrome (AAEP proceedings/report).
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Ramey, D. W., et al. (2005/2006). Investigation of the immediate analgesic effects of ESWT for navicular disease using objective GRF (prospective force-plate study).
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Trager, L. R., et al. (2019). Extracorporeal shockwave therapy raises mechanical nociceptive threshold in horses with thoracolumbar pain. Equine Veterinary Journal, 52(2), 250–257. https://doi.org/10.1111/evj.13159
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Bolt, D. M., et al. (2004). Determination of functional and morphologic changes in palmar digital nerves after nonfocused ESW treatment in horses. American Journal of Veterinary Research, 65(12), 1714–1718. https://doi.org/10.2460/ajvr.2004.65.1714
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Waldern, N. M., et al. (2005). Evaluation of skin sensitivity after shock wave treatment in horses. American Journal of Veterinary Research, 66(12), 2095–2100. https://doi.org/10.2460/ajvr.2005.66.2095
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Hyytiäinen, H., et al. (2022). Systematic Review of Complementary and Alternative Veterinary Medicine in Sport and Companion Animals: Extracorporeal Shockwave Therapy. Animals, 12(22), 3124.
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